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Das noch in der Konzeptionsphase befindliche Projekt wird in Vorbereitung eines Heisenberg- oder Sachmittelbeihilfe-Antrags bei der DFG erarbeitet. Es geht von einigen Thesen über die Struktur, die Funktion und das politische Momentum von Reinheitsfiguren aus. Ersten scheint es mindestens zwei zu unterscheidende Figuren der Reinheit zu geben: zum einen die Abwesenheit von Unhygienischem, Schmutz etc., zum anderen die Abwesenheit von Vermischung verschiedener Dinge, Faktoren, auch Gedanken etc. Damit deutet sich zweitens an, dass diese Figuren solche der Abwesenheit, also ausschließlich negativ zu definierende sind. Drittens wird die politische Relevanz schon an den Grundfiguren deutlich, die Reinheitsvorstellungen der ersten Art im Zuge von Pandemie und den damit verbundenen Hygienevorschriften, die der zweiten Art in allen Arten von Diskursen, um Migration, Volkstum, Kultur etc. Viertens lässt sich eine Interferenz bzw. ein Zusammenfallen beider Grundfiguren in eins konstatieren, die sich so zusammenfassen ließe ›Vermischung verschmutzt‹. Davon und von historischen Zeugnissen dieser und anderer Figuren der Reinheit sollen v.a. die theologischen und philosophischen Grundlagen und Konsequenzen dieser Art des Denkens und des Argumentierens untersucht werden. Hier findet sich die enge Anknüpfung an bestehende Ergebnisse meiner Forschung, wenn sich zeigen lässt, dass ›Reinheit‹ angewiesen ist auf Figuren des Ursprungs, der Ursprünglichkeit, auch der Natürlichkeit. Nicht zuletzt aber rechnet die Figur in vielen Fällen mit einer Wirklichkeit vor oder hinter der wahrnehmbaren. Denn in der Annahme einer kontrafaktisch zu erreichenden Reinheit kann sich das gefährlichste politische Potential dieser Denkfigur verbergen. Gerade um dieser Gefahr Herr werden zu können, bedarf es der geplanten grundlegenden Aufarbeitung der Denkvoraussetzungen.
Während in der Habilitationsschrift „Zwischen Mythos und Eschaton. Die Frage nach der Wirklichkeit Gottes“ v.a. die genannte Wirklichkeit Gottes in ihrer Begriffsbildung im Fokus war und die Wirklichkeit des Menschen ebenfalls als Begriff und Moment der Unterscheidung, der Abgrenzung oder der Interferenz in den Blick kam, blieb ein gewichtiger Aspekt außerhalb des gewählten Fokus’, der sich ebenfalls mit der Frage nach Eschaton und Eschatologie verbindet. Daher soll in Weiterführung des abgeschlossenen Projektes nun die Frage nach der Wirklichkeit des Reiches Gottes als jenem Ort, an dem die Wirklichkeit des Menschen der Wirklichkeit Gottes ausgesetzt ist, und insb. die handlungsleitende Funktion und die Implikationen eines solchen Wirklichkeitsgefüges, bearbeitet werden. Als Ort diese Gefüges wird der Un-Ort, die U-topie der klassischen literarischen Utopien als entzogener und doch höchst anspruchs-voller Ort menschlichen Zusammenlebens, gesucht. So soll eine handlungsleitende Vorstellung des ›Reiches Gottes‹ außerhalb der Dichotomie von (bloßer) Jenseitsvertröstung (die nie weit von ihrem Gebrauch als Legitimationsfigur bestehender Verhältnisse entfernt ist) und Machbarkeitsphantasien (deren Gewaltpotential nicht zu unterschätzen ist) entwickelt werden.
Eine Fortführung des Themenkomplexes des Habilitationsprojektes wird auch in Hinsicht auf das kritische Potential in Angriff genommen werden. Dieses verbindet sich v.a. mit dem Aspekt des mythischen Ursprungs und dessen Anspruch auf Normativität, ein Aspekt, der nicht zuletzt auch für kritisch zu beleuchtende Remythisierungen von Bedeutung ist. Nicht nur bringt jede Ursprungserzählung eine ihr entsprechende Normativität hervor, auch jede Norm erzählt sich ihre eigene Ursprungsgeschichte jeweils neu. Beide bedingen und reformulieren sich jeweils gegenseitig. Das geht über die Figur des für eine urzeitliche Begründung einstehenden Mythos (Eliade) hinaus und muss, jenseits einer solchen Einbahnstraße, auch den Rezeptionsprozess von Mythen mit einbeziehen (Blumenberg). Die aufzuzeigenden Strukturen lassen sich aber nicht nur an klassischen und modernen politischen Mythen (vgl. Blumenberg, Cassirer, Hübner) aufzeigen, sondern z.B. auch anhand von evolutionsbiologischen Erklärungsversuche menschlichen Verhaltens und Vergesellschaftung. In diesen drei Perspektiven soll die Frage bearbeitet werden: hinsichtlich der Strukturen der Normativität von Ursprüngen allgemein, hinsichtlich der politischen Indienstnahme solcher Ursprungserzählungen und schließlich hinsichtlich der speziellen Argumentation mit verschiedenen Erzählungen über die Phylogenese der Menschheit.
Das gemeinsam mit Dr. Patrick Ebert (Heidelberg), Dörthe Mohme (Marburg/New York), Dr. Cornelia Mügge (Münster) und Ass.-Prof. Dr. Christian Schlenker (Genf) gegründete Netzwerk Utopie hat sich zum Ziel gesetzt, (v.a.) Theolog:innen, die sich aus den verschiedensten Perspektiven mit der Utopie befassen, in Kontakt und Austausch zu bringen. Bisher sind aus dieser Kooperation ein Eröffnungsworkshop in Münster im März 2023 und ein gemeinsames, von Cornelia Mügge und Christian Schlenker geleitetes Panel bei der Konferenz der European Academy of Religion 2024 in Palermo hervorgegangen. Beide Formate sind auch die tragenden Elemente der weiteren Zusammenarbeit, u.a. mit einem Panel bei der nächsten EuARe 2025 in Wien.
Das Kooperationsprojekt mit Ass.-Prof. Dr. Christian Schlenker (Genf) setzt an beim perzipierten Abschied von einer Welt, in der alle wichtigen Dinge ewig und unveränderlich waren. Sogar so unveränderlich, dass die Frage, wie sich die Dinge bewegen (und damit verändern) können, intensiv diskutiert werden musste. Und lange Zeit wurden der christliche Gott und der Mensch coram Deo mit denselben Begriffen zu erfassen versucht. Gott galt als ewig, unveränderlich, apathisch, allgegenwärtig, allmächtig... Die menschliche Seele galt als unsterblich und sollte nach dem Tod verewigt werden. Die Substanz jeder Art bleibt dieselbe, unabhängig von Zufälligkeiten und Zeit. Mit einem entscheidenden Unterschied: Alles außer Gott selbst hat einen Anfang, ist erschaffen. Aber alles Geschaffene bleibt von seiner Erschaffung an sich selbst gleich. Inzwischen scheinen die meisten von uns in einer post-postmodernen Welt zu leben, die fragmentiert ist, in der die Dinge flüchtig sind und nur im Nachhinein erfasst werden können. Die Philosophie ist zu einer ähnlichen Auffassung gelangt, insbesondere der Historismus und die Phänomenologie. Die Theologie hat sich ebenfalls angepasst und sich dem Historischen, dem Prozesshaften und dem Kontextuellen zugewandt. Diese Hinwendung wird von vielen geschätzt, von einigen mit Sorge betrachtet. Aber durchweg scheint es ein erneuertes Bewusstsein für die Bedeutung von Phänomenen zu geben, die Bestand haben und fortbestehen: Gott, der Gekreuzigte und/oder der Auferstandene, die Identität und die Wiederherstellung der menschlichen Person über ihren Tod hinaus, eine wie auch immer zu fassende Geschichte der Menschen auf diesem Planeten. Daher auch das Bewusstsein, dass unerwünschte Phänomene fortbestehen, sei es die Verletzlichkeit oder die Ausgesetztheit. Wie können wir also über die Beständigkeit Gottes, des Menschen, der Geschichte – aber auch des Bösen und des Leidens – sprechen? Müssen wir zur klassischen Metaphysik zurückkehren oder gibt es neue Wege, über diese Phänomene und über Dauer, Wandel und Beständigkeit als Phänomene selbst nachzudenken? Das Projekt nähert sich dieser Frage zuerst von Vorarbeiten der Beteiligten ausgehend über die ›Memoria‹ (Stoppel) und die ›Treue‹ (Schlenker) als Phänome und mögliche Garanten von Persistenz. Ein erstes Resultat des Projektes wird ein Open Panel bei der EuARe 2025 in Wien sein.
Mit Dr. Andreas Gehrlach, Kulturwissenschaftler, Programmdirektor des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften der Kunstuniversität Linz in Wien, ist die Edition und Herausgabe der zeitgenössischen deutschen Übersetzung des utopischen Romans Les Avantures de Jacques Sadeur von Gabriel de Foigny geplant, die 1704 unter dem Titel „Sehr curiöse Reise-Beschreibung durch das neu-entdeckte Südland“ erschien und von der derzeit keine vollständige Ausgabe (und auch keine vollständige Neuübersetzung) verfügbar ist. Im Rahmen der Herausgabe ist auch eine ausführliche Einleitung seitens der Herausgeber geplant. Der Roman verdient es, unter die klassischen Utopien gezählt zu werden, und ist v.a. durch seine Thematisierung der Überwindung von Geschlechtergrenzen für gegenwärtige Diskurse anschlussfähig. Derzeit laufen dazu erste Verhandlungen mit einem interessierten Verlag.
Ein gemeinsam mit PD Dr. Magnus Schlette und Dr. Rasmus Nagel vom Arbeitsbereich „Theologie & Naturwissenschaften“ der FEST Heidelberg anvisiertes Projekt fragt nach extraterrestrischen Existenzen und scheint damit direkt in den Bereich der (Science Fiction-)Literatur zu verweisen, wo sie de dicto als Trope zu untersuchen wären. Aus naturwissenschaftlicher Sicht wird aber vielerseits mit der Entdeckung von mikrobiologischen Lebensformen außerhalb der Erde in naher Zukunft gerechnet, dann wäre auch de re davon zu sprechen. Als Gegenstand ernsthafter Untersuchungen am Schnittpunkt von Theologie und Naturwissenschaft sind extraterrestrische Existenzen in beiden Perspektiven zu fassen, in mindestens drei Dimensionen: 1) die Existenz des Weltalls für den Menschen; 2) die Existenz des Menschen außerhalb des eigenen Planeten; 3) die Existenz nicht auf der Erde beheimateten Lebens. Alle drei Dimensionen haben, de dicto wie de re (und das bereits als zukünftige Wahrscheinlichkeit), Konsequenzen für das menschliche Welt- und Selbstverhältnis. Aus theologischer Sicht sind dabei v. a. Fragen der Schöpfungslehre, der Soteriologie und der Ethik zu bearbeiten. Eine detaillierte Skizze des Themenkomplexes stelle ich auf Anfrage gerne zur Verfügung.
Was ist Wirklichkeit und was ist Phantasie? Die meisten Menschen würden spontan für sich in Anspruch nehmen, den Unterschied zu kennen und zwischen beidem unterscheiden zu können. Dieser Anspruch gilt auch für diejenigen, die sich dem christlichen Glauben zugehörig fühlen, sehr konkrete Bedeutung erlangen, jedenfalls dann, wenn sie – um sich einer von Ingolf U. Dalferths übernommenen und abgewandelten Formulierung zu bedienen – ‚an etwas und nicht an nichts glauben wollen, und zwar nicht nur an etwas Erdachtes, Fiktives, Mögliches‘. Das Interesse dieser Untersuchung liegt an solchen Autoren aus der Theologie, die, erstens, eine Wirklichkeit Gottes zu denken versuchen, und die diese, zweitens, als eine von der ‚weltlichen‘ Wirklichkeit unterschiedene, nicht in ihr aufgehende und nicht auf sie reduzierbare auffassen. Drittens ist allen ausgewählten Entwürfen gemein, dass sie sich in irgendeiner Form mit dem Mythos auseinandersetzen. Der Gang der Untersuchung zeigt, dass die Einschätzungen der letztgenannten Problemstellungen ebenso unterschiedlich ausfallen wie die der Frage nach einer Wirklichkeit Gottes und ihrem Verhältnis zu anderen ‚Wirklichkeiten‘. Sollen sie ernsthaft in einen fruchtbaren Bezug zueinander gestellt werden, bedarf es eines ‚Denkmusters‘, dass es erlaubt, mit pluralen Wirklichkeitsbegriffen, deren dia- wie synchronen Bezügen zueinander und nicht zuletzt der Frage, wie sich denn etwas als ‚Wirklichkeit‘ erweisen lassen kann, umzugehen. Die Arbeit hat ihr ‚Denkmuster‘ dafür in der Philosophie Hans Blumenbergs gefunden, der die gerade genannten Fragen bearbeitet hat und diese explizit in einen Zusammenhang mit der Frage des Mythos gebracht hat. Von diesem Muster ausgehen werden die Mythos- und Wirklichkeitskonzeptionen von David F. Strauß, Rudolf Bultmann, Wolfhart Pannenberg und Ingolf U. Dalferth untersucht. Am Ende steht die Feststellung der Unmöglichkeit, anders als in menschlichen Wirklichkeitsbegriffen und in Auseinandersetzung mit anderen solchen Begriffen von Gott zu sprechen. Das zeigt die Notwendigkeit der Distanz bzw. die absolute Unmöglichkeit der Distanzlosigkeit und Unmittelbarkeit an. Wo diese Distanz vermieden werden wollte, wo Mythos wie Begriff zu Ende gebracht, hinter sich gelassen werden wollte, bliebe nur noch das Schweigen.