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Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in Kirche und Diakonie
Prof. Dr. Ute Gause ist Mitglied der Unabhängigen Regionalen Aufarbeitskommission (URAK West), welche sich 2025 im Kontext der ForuM-Studie konstituierte und seitdem mit fachlicher Expertise die Fälle sexualisierter Gewalt im Raum Kirche und Diakonie auf individueller sowie struktureller Ebene aufarbeitet. Die Kommission setzt sich zusammen aus Expert*innen verschiedener Disziplinen, Vertreter*innen der Landeskirche und der regionalen Diakonie sowie aus Betroffenen, deren Interessen den maßgeblichen Bezugspunkt für die Arbeit der Kommission bilden.
Betroffene können sich jederzeit an die Kommission wenden: aufarbeiten@urak-west.de
Die Fallstudie "Gott habe ihm gesagt, er solle mich zur Frau machen" von Prof. Dr. Ute Gause ist das Ergebnis gründlicher Archivarbeit und Einzelinterviews mit Betroffenen und Personen aus deren Umfeld. Die Studie beleuchtet exemplarisch und eindrücklich anhand eines konkreten Falles eines Pfarrers, welcher über Jahrzehnte hinweg missbräuchliche Beziehungen zu (meist deutlich jüngeren) Frauen unterhielt, die meist lebenslangen Folgen von Missbrauch für die Betroffenen - aber auch die strukturellen Probleme im Raum Kirche und Diakonie, die diesen Missbrauch überhaupt erst ermöglichen oder begünstigen.
Das Buch ist im Pinguin-Verlag für einen Preis von 24€ zu erwerben.
Am 23.10.2023 präsentierte Prof. Dr. Ute Gause der badischen Landessynode die Ergebnisse der von dieser in Auftrag gegebenen Missbrauchstudie. Entlang der einzelnen Fälle sexuellen Missbrauchs wird allerdings die struturelle Ebene in den Blick genommen und der Zusammenhang von charismatischen Amtspersonen, einer patriarchal strukturierten Theologie und der Systematik von sexualisierter Gewalt stark gemacht.
Der vollständige Vortrag kann hier gelesen werden.
Im Sommersemester 2026 können studierende das Hauptseminar "Sexualisierte Gewalt in Theologie, Diakonie und Kirche" bei Dr. Elis Eichener und Prof. Dr. Ute Gause besuchen.
Damit wird die neue Generation von Theolog*innen für dieses wichtige und für die Zukunft der Kirche elementare Thema sensibilisiert und Präventionsstrategien bereits in die theologische Ausbildung von heanwachsenden Pfarrer*innen und Lehrer*innen integriert.
Spätestens die ForuM-Studie hat der Öffentlichkeit vor Augen geführt, dass sexualisierte Gewalt ein Problem nicht nur der katholischen, sondern auch der evangelischen Kirche darstellt. Seitdem sind weitere Untersuchungen erschienen und auch der wissenschaftliche Diskurs widmet sich zunehmend der Frage, welche theologischen, diakonischen und kirchlichen Logiken in welcher konkreten Wirkweise sexualisierte Gewalt ermöglichen, begünstigen oder verschleiern. Denn obwohl sexualisierte Gewalt in den verschiedensten Institutionen von Schulen über Sportvereinen bis hin zu Kirchengemeinden vorkommt, passt sie sich den jeweiligen Kontexten an und kann deren besondere Charakteristika ausnutzen.
In diesem Seminar möchten wir aus kirchengeschichtlicher und praktisch-theologischer Perspektive darüber nachdenken, welche spezifisch protestantischen Risikofaktoren, Täterstrategien, Denkfiguren und Vergemeinschaftungsformen zur Anbahnung, Ausübung und Verdeckung sexualisierter Gewalt beitragen. Wir werden uns dazu mit machtheoretischen Modellen auseinandersetzen, die zeithistorischen Zusammenhänge untersuchen, aktuelle Einzelfallstudien auswerten und ausgewählte Betroffenenberichte und -interviews analysieren. Auf dieser Grundlage wollen wir nicht zuletzt diskutieren, welche Konsequenzen sich für den Umbau von Theologie, Diakonie und Kirche ergeben.
© epd-bild/Rainer Oettel
Kirchengeschichte als Frauen- und Gendergeschichte
Nach Jahren des interdisziplinären und ökumenischen Forschens wurde die 21-Bändige Reihe "Women and Bible" abgeschlossen - herzlichen Dank an alle Forschenden und Unterstützer*innen, die dazu beigetragen haben, diese bedauerliche, aber nicht zufällige Lücke der theologischen Forschung zu schließen.
Auch Prof. Dr. Ute Gause beteiligte sich mit dem Band "Konfessionskulturen und Gender im "langen" 18. Jahrhundert", der in Kooperation mit Prof. Dr. Marina Caffiero (Sapienza-Universität Rom) entstand:
Im „langen“ 18. Jahrhundert – ab dem Ende des Dreißigjährigen Krieges beginnend und mit der Epochenschwelle der Französischen Revolution endend – entstehen Konfessionskulturen, die nur unzureichend mit Epochenbeschreibungen wie Barock, Pietismus, Orthodoxie und Aufklärung erfasst werden können. Gekennzeichnet ist die Zeit jedoch in ihrer religiösen Signatur mit einer Fokussierung auf das Subjekt und einem Bestreben individuelle, subjektive, emotionale und affektive Zugänge zum Glauben zu finden. In allen konfessionellen Traditionen entstehen Formen religiöser Aneignung, die sich jenseits von institutionalisierter Kirche, Kloster, Universität und Schule schriftlich niederschlagen. Frauen sind an diesen religiösen und theologischen Formierungsprozessen mit eigenen Veröffentlichungen und Korrespondenznetzwerken vielfältig beteiligt. Darüber hinaus stellt sich die Frage nach Konstruktionen von Gender, nämlich inwiefern und ob überhaupt ein geschlechtsspezifischer Habitus erkennbar wird. Einleitend werden die disparaten Entwicklungen im Hinblick auf Wahrnehmung und „agency“ von Frauen sowie ihrer enormen literarischen Produktivität im 18. Jahrhundert charakterisiert, deren individuelle Aneignungen der Bibel mit dem Aufkommen einer „vernünftigen Religion“ ihr Ende finden. Exemplarisch werden Protagonist*innen des europäischen Raums vorgestellt, deren Bemühungen um Bildung und Emanzipation (Benito J. Feijo in Spanien; jüdische Lehrerinnen in Triest), normierendes Schrifttum für Frauen und Männer und deren Implikationen, theologische Schriften und ihre Rezeption (U.a. Regina Catharina von Greiffenberg in Österreich und später in Deutschland, Madame Guyon, deren französischen Bibelkommentare ins Deutsche übersetzt werden). Jenseits einer vermeintlich selbstverständlichen Vorfindlichkeit von Gender und einem Sich-Fügen in Geschlechterrollen zeigen diese Einzelstudien, wie im 18. Jahrhundert theologisch arbeitende Frauen den Umgang mit ihrer Religion vorangetrieben, unterstützt und eigenständig gestaltet haben. Der Bibelauslegung kam eine Schlüsselfunktion zu, indem sie nicht nur weibliche Identifikationsfiguren bot, sondern in der Konzentration auf dem sich in der Meditation erschließendem Glauben eine Möglichkeit individueller Aneignung jenseits von Geschlechterbegrenzungen bot.
Dieser wichtige Beitrag zur Aufarbeitung der Diakonissengeschichte mit besonderem Blick auf das Selbstverständnis der Frauen kann hier bestellt werden.
Diakonissen haben im 19. und bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts in Gemeinden und Krankenhäusern zentrale diakonische Funktionen wahrgenommen und sind unverzichtbarer Bestandteil der Kirchengeschichte. Die 1869 gegründete Westfälische Diakonissenanstalt in Bielefeld, die später den Namen Sarepta erhielt, war zeitweise die größte Diakonissenanstalt innerhalb Deutschlands. Über die konkreten Lebens- und Arbeitsbedingungen der Schwestern, ihre Motive und Überzeugungen existieren erst wenige Forschungen. Ute Gause untersucht anhand von Archivmaterial die Lebensläufe dreier Frauen: den der ersten Vorsteherin Sareptas Emilie Heuser (1822–1898); einer Frau aus dem erweckten Siegerland, Anna Siebel (1874–1975), die über 40 Jahre als Gemeindeschwester im Ruhrgebiet arbeitete; und schließlich den Lebenslauf der promovierten Psychologin Liese Hoefer (1920–2009), die als kritische Diakonisse für Reformimpulse Sareptas steht. So entsteht anhand dieser exemplarischen Frauen ein lebendiges Bild einer Institution, die maßgeblich von diesen getragen und gestaltet wurde.
Im ersten Band der Reihe "Historisch-Theologische Genderforschung" beleuchtet Prof. Dr. Ute Gause die spannende Geschichte der Diakonissen, einer protestantischen Frauengemeinschaft, die beinahe gänzlich aus dem gesellschaftlichen Wissen und Forschungsinteresse verschwunden ist. In "Geschichte und Gedächtnis einer protestantischen Frauengemeinschaft" wird mittels Oral History, Interviews und gründlicher Archivarbeit die Geschichte der Diakonissen anschaulich und lebendig:
Diakonissen und diakonische Schwestern gehören zu einer Gruppe von Frauen, die mit ihrer Tracht – der weißen Haube und dem langen dunklen Kleid – in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch ganz selbstverständlich in der Öffentlichkeit präsent waren. Die Studien dokumentieren und analysieren ihre Lebenserinnerungen, die in einem Oral-History-Projekt erfragt wurden. Interdisziplinäre Beiträge verorten die Erzählungen der Schwestern in pflegewissenschaftlichen, diakoniehistorischen, theologischen, religionspädagogischen und sozialgeschichtlichen Bezügen. Zu den Schwerpunkten gehören das Verhältnis von Beruf und Religion, die Veränderungen des »Frauenberufs« Krankenpflege im 20. Jahrhundert und die Geschichte des Kaiserswerther Diakonissenmutterhauses im Nationalsozialismus. Entstanden ist eine anschauliche erste Erschließung eines mittlerweile fast unbekannten protestantischen Frauenberufs, interessant nicht nur für Wissenschaftler.
Mit dem Grundlagenwerk "Kirchengeschichte und Genderforschung: Eine Einführung in protestantischer Perspektive" gibt Prof. Dr. Ute Gause einen wichtigen Überblick über die Methodik und die grundlegenden theoretischen Ansätze des kirchengeschichtlichen Fragens und Forschens aus einer Genderperspektive. Dabei wird ein kompensatorischer Ansatz verfolgt, der die bisherige Kirchengeschichtsschreibung als lücken- und fehlerhaft entlarvt und die unterbeleuchtete Frauen- und Gendergeschichte als notwendiges Korrektiv ins Zentrum rückt:
Wie kann die Kategorie gender kirchengeschichtliches Forschen bereichern und in eine Gesamtperspektive der Kirchengeschichte integriert werden? In dieser als Lehrbuch konzipierten Untersuchung führt Ute Gause die Ansätze heutiger Kirchengeschichtsschreibung und feministisch-theologischer historischer Forschung für eine kirchenhistorische Genderforschung zusammen und zeigt mit Hilfe kulturwissenschaftlicher Zugänge neue Methoden und Perspektiven einer solchen Forschung auf.