Interkulturelle Theologie befasst sich mit den vielfältigen Gesichtern, die das Christentum heute infolge seiner geografischen Ausbreitung und der daraus resultierenden interkulturellen und interreligiösen Aushandlungsprozesse und Dialoge kennzeichnen.
Interkulturelle Theologie ist, historisch betrachtet, aus dem Zusammenspiel von Religionswissenschaft, Missionswissenschaft und weltweiter Ökumene heraus entstanden. Neben diesen Forschungstraditionen sind ihr in der Auseinandersetzung mit Kolonialismus, antikolonialen Befreiungsbewegungen und Postkolonialismus, zunehmender Globalisierung, Säkularisierung und „Wiederverzauberung“, Genderdebatten, Migrationsforschung und kulturell-religiöser Pluralisierung Europas weitere methodische Zugangsweisen und Forschungsfelder zugewachsen.
Interkulturelle Theologie forscht und lehrt – die administrativ-wissenschaftspolitischen disziplinären Grenzziehungen überschreitend – trans- und interdisziplinär. Von ihrer Herkunftsgeschichte her steht sie in besonderer Nähe zu Ethnologie, Anthropologie, außereuropäischen Philologien, Religionswissenschaft und Missionswissenschaft. Heute bezieht sie Gegenstände und Diskussionen auch aus anderen Disziplinen ein wie der Philosophie, der Soziologie, den Literaturwissenschaften oder der Medizin sowie der im Kontext globaler Verflechtungen erwachsenen, quer zu diesen Disziplinen liegenden postcolonial und subaltern studies. Letztere haben zusammen mit den Einsichten der neueren Kulturwissenschaften (cultural turns) die selbstkritische Reflexion der Produktion von Wissen über Kulturen, transkulturelle Verflechtungen und damit nicht zuletzt auch die Machtbeziehungen ins Zentrum der Interkulturellen Theologie gerückt.
Interkulturelle Theologie ist deshalb jedoch nicht nur beschreibende, Theologie wahrnehmende Wissenschaft, sondern sie trägt auch zur „Theologiebildung“, das heißt: Sie hat auch eine orientierende und in diesem Sinn kritisch-normative Aufgabe und ist darin eine eigenständige theologische Disziplin mit vielfältigen Aufgaben für das Ganze der Theologie. Indem sie sich mit der synchronen wie diachronen Vielfalt der Christentümer und den interkulturellen Transformationsprozessen, die zu dieser Verschiedenheit beigetragen haben und beitragen, befasst, baut sie nicht nur Brücken des Verstehens und der Hermeneutik des Fremden. Sie trägt in entscheidender Weise auch zur Diskussion der zentralen theologischen wie epistemologischen Frage nach dem Verhältnis von Universalität und Partikularität der Wahrheit Gottes bei.
Indem sie schließlich Interkulturalität als Wesensmerkmal des Christentums und der Theologie bewusst macht, zeichnet sich Interkulturelle Theologie als kritische theologische Wissenschaft aus, die immer wieder auch den Universalitätsanspruch westlicher Theologie in Frage stellt und ihre Begrenztheit aufzeigt. Das „Inter“ hat etwas Beunruhigendes, vielleicht auch etwas Anstößiges, in jedem Fall ist es kritisch und produktiv. Außerdem stellt sie die Frage, ob Theologien aus dem so genannten globalen Süden in Ländern des globalen Nordens überhaupt rezipiert und als relevant betrachtet werden.
In der Lehre möchte das Fach Interkulturelle Theologie in Bochum die Reflexion christlicher, religiöser und kultureller Pluralität außerhalb wie innerhalb Europas und die theologische Urteilsfähigkeit bei interkulturellen und interreligiösen Fragestellungen unterstützen.
In Bochum, wie überall im Ruhrgebiet, leben Menschen mit einer Vielzahl an kulturellen und religiösen Hintergründen. Auch die weltweite Vielfalt an Christentümern bildet sich so in der Region ab. Ebenso findet sich in der gesamten Region ein aussergewöhnlich enges Neben-, Mit-, und Ineinander aller sozialen Milieus. Es gehört zu den Gründungsgedanken der Ruhr-Universität, Studierenden aus allen diesen Kontexten eine universitäre Bildung zu ermöglichen. Die Ruhr-Universität ist deshalb ausgesprochen eng mit der Stadt Bochum, dem Ruhrgebiet und der weiteren Region verbunden. Die gesellschaftliche Realität ist die Realität der Universität und sie ist angetreten, dieser Gesellschaft zu dienen und ihre Möglichkeiten zu erweitern.
An diesem Gedanken partizipiert auch unsere Fakultät und die an ihr vertretene Interkulturelle Theologie. Indem sie die interkulturelle Realität erforscht und reflektiert, sucht sie auch nach Möglichkeiten, diese zum Wohle aller zu prägen.